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Ludwig Seyfarth: „Linien der Erregung“, Textauszug aus Katalog „Renata Jaworska“, 2015

Oft sieht man nur Linien oder durch Linien hindurch. Liniennetze überziehen Pläne und Landkarten, um die Orientierung zu erleich- tern, oder ein Linienraster auf einer Scheibe hilft einem Maler oder Zeichner bei der räumlichen Darstellung des Motivs. Oder als Schütze, Fotograf oder Pilot blickt man durch ein Visier oder Objektiv, um ein Ziel genau anpeilen zu können. Auch auf Renata Jaworska Bildern sieht man auf ein Netz aus Linien oder durch dieses hindurch, oder die Strichführungen verdichten sich zu einem engen Gewirr, das sich wie ein energetisches Spannungsfeld über die Bildfläche zieht. Jaworska ist ursprünglich Zeichnerin und denkt auch bei größeren Gemäldeformaten stets von der Linie, von der Struktur her. Die Linien bauen die Bilder auf, nicht konstruierte Räume oder körperliche Volumen. Das geschieht auf unterschiedliche Weise: Entweder scheint ein vorhandenes Motiv durch ein Netz überzogen, etwa von unten gesehenen Bäume und Hunde mit einer US-amerikanischen Flagge auf dem Bild Tora Bora, dass sich auf die 2001 in dem gleichnamigen afghanischen Höhlenkomplex geführte Schlacht gegen die Taliban bezieht (S. 25) Wolkenartige Formationen befinden sich hinter einem weißen Strichgewirr (S. 2) oder man blickt durch wie in Linien verwandelte gewordene Lichtprojektionen, die wie ein Spinnennetz in der Luft hängen, in einen Theater- oder Kinosaal (S. 28/29). Manchmal umkreisen die Striche auch die Umrisse von Gegenständen, etwa den Resten einer kriegszerstörten Landschaft, und wirken hier wie eingeritzt, wie in eine Radierplatte ein- gegraben (S. 55).

Bei einer Reihe von Bildern bilden die Linien ein relativ gleichmäßiges Raster und weben die Motive gleichsam in sich ein. Dies gilt vor allem für zwei Motivgruppen. Zum einen sind es Men- schenmengen oder militärische Szenarien wie eine marschierende Armee (S. 58), zum anderen fliegende Vögel (S. 14/15; 16/17; 42/43). Bei die- sen Bildern entsteht auch der Eindruck, als ob die Linien die Flugbahnen der Vögel nachzeichnen würden. Das Motiv kann sich aber auch direkt aus der Struktur der gesetzten Striche ergeben. In flachen Winkeln gegeneinandergesetzten Strichlagen bilden einen Wald von oben ab (S. 46), oder es ergeben sich Formationen, die als Wolkengestalten oder als die Umrisse einer Landzunge auf einer Luftaufnahme gedeutet werden können (S. 57). Zweideutig bleibt hier auch, ob es sich um eine horizontale oder vertikale Sicht handelt; um die direkte Abbildung eines Motivs oder um eine Art kartografischer Aufzeichnung.

Die Linien können sich gleichmäßig fast wie ein ornamentales Muster verspannen, oder sie er- scheinen wie aufgeladene Erregungsspuren, vor allem, wenn sie diagonal auf uns zulaufen wie auf dem Bild Adler? (S. 44/45). Die Verortung des an den deutschen Bundesadler erinnernden Vogels zwischen einer kristallinen Eisstruktur und einer nicht genau definierbaren architektonischen Struk- tur erinnert an eine bilderrätselhafte Traumsituation, aber auch an kompositorische Vorbilder aus der klassischen Moderne. So mag man an die herabstürzende Menge auf George Grosz’ expressionistischem Großstadtbild Widmung an Oskar Panizza (1919, Staatsgalerie Stuttgart) denken oder an die futuristische Auffächerung der Formen wie auf Umberto Boccionis Der Lärm der Straße dringt ins Haus (1912, Sprengel Museum Hannover).

Diese Bilder entstanden in einer Zeit, als neue Verkehrsmittel und -wege sowie Elektrizitätsnetze die Menschen mit völlig neuen Geschwindigkeiten konfrontierten und die Explosionen des Ersten Weltkriegs große Teile der Erde nachhaltig erschütterten. Schon um 1900 hatte sich in der gesamten »westlichen« Welt eine auch die Kunst, Literatur und Musik prägende »nervöse« Erregung verbreitet, die in der Umwelt vor allem »Ströme und Strahlen« wahrnahm.1

Während sich in der expressionistische Kunst die innere Nervosität und Erregung scheinbar direkt auf die dargestellten Motive übertrug, hielten Jackson Pollock und andere »informelle« Maler der 1950er Jahre solche Spannungen in einem gleichmäßigen All Over gleichsam in der Schwebe. Nachdem die Conceptual Art der 1960er Jahre jeden unmittelbaren Ausdruck innerer Zustände leugnete und darauf beharrte, dass auch bildnerische Sprachen auf der Lesbarkeit von Codes beruhen, konnte man nach landläufiger »postmoderner« Meinung lineare und gestische Spannungen nur noch »zitieren«. Renata Jaworska ist keine Künstlerin der Postmoderne mehr. Sie nimmt die Tradition energetischer Erregungsbahnen wieder auf, und die Anklänge an verschiedene Richtungen Moderne sind keine direkten Anlehnungen oder Zitate, sondern sie werden sie wie in einem Vexierbild soghaft zusammengezogen. So erfahren die expressionistischen Erregungsspur und das informelle All Over in ihrer Kunst gleichsam eine posthume Synthese. Auf einigen neueren Bildern nimmt das All Over eine verwandelte Form an. Die Linien sind nicht mehr scharf gezogen, sondern mit einem Sprayer farbig angelegt, und kleine helle rechteckige Flächen sind freigelassen (S. 64-65). Diese haben das Format von Fotos, die mit einem I-Phone aufgenommen werden und verweisen auf die heute kursierende Fülle an Bildern, die sich gegenseitig auslöschen, nicht mehr im Gedächtnis festsetzen und auch keine Erregungsspuren mehr hinterlassen.

Renata Jaworskas Kunst weckt zwar Erinnerungen an den Expressionismus und andere Tendenzen der Moderne. Letztlich aber geht es der Künstlerin darum, die Komplexität der heutigen, digital geprägten Welt bildnerisch zu erfassen, wenngleich sie dazu auch Mittel erprobt und neubelebt, die Ausdruck der politischen und kriegerischen Kämpfe zu Beginn des 20. Jahr- hunderts waren.

1 Dazu umfassend: Christoph Asendorf, Ströme und Strah- len. Das langsame Verschwinden der Materie um 1900, Gießen 1989.

© Ludwig Seyfarth

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Bernd Stiegler:  „Fluchtlinien“ , Textauszug aus Katalog „Renata Jaworska“, 2015

Die Welt ist nicht das,wassiezuseinscheint. Oder genauer: Sie erscheint immer in mehrfacher, vielfacher Gestalt. Sie ist immer auch Schein, aber nicht Schein allein. Sie ist vielfach gedoppelt, vervielfältigt, multipliziert, durch Medien, Bilder, aber auch durch die alltägliche Wahrnehmung, die sich immer aus verschiedenen Ansichten zusammensetzt. Eine jede Ansicht der Welt setzt sich aus vielen Facetten zusammen, ist ein Kompositbild, das aus vielem eines macht. Wie es dazu kommt und wie genau das funktioniert, ist eine komplizierte Frage, zu deren Beantwortung auch die Kunst Entscheidendes beizutragen hat. Ihre Arbeit mit Bildern ist letztlich auch eine Arbeit über die Vielgestaltigkeit der Welt in der Wahrnehmung: der alltäglichen, politischen, medialen. Sie kann und sollte diese nicht in Eindeutigkeit überführen, wohl aber im wahrsten Sinn des Wortes in den Blick nehmen. In der Kunst wird der Schein der Welt zum schönen Schein, der mitunter die Scheinhaftigkeit der Erscheinungen offenlegt oder durchbricht. Ein Riß geht durch die Welt: Es ist der Riß, den die Kunst in ihr entdeckt und bloßstellt.

Auch in Renata Jaworskas Bildern erscheint die Welt nolens volens im schönen Schein der Kunst. Allerdings wird sie hier zerlegt in multiple Ansichten, die oft übereinander gelegt werden, fast wie ein Schleier aus Linien, der sich über die Welt legt. Das ist der Riss, der sich hier durch die Welt zieht. Wo im Alltag die Bewegung hin zu einem Bild, zu einem einheitlichen Bild geht, ja zu einer Weltanschauung wird, regiert hier die Vervielfältigung, die Multiplizierung. Was sich vermeintlich als ein Gegenstand darbietet, wird hier zerlegt, analysiert, bildnerisch-künstlerisch seziert und subtil übereinander gelegt. Die Welt als fremder Wille und angeblich eigene Vorstellung wird in ihre Bestandteile zerlegt und als zersplitterter Bildraum neu eröffnet. Die Dinge scheinen feine Netzwerke zu bilden, die sich über sie legen und die Welt insgesamt wie ein Spinnennetz einfangen. Vor dem Horizont oder dem, was wir gemeinhin als Wolken bezeichnen würden, entspinnt sich ein eigenes Geschehen, das der Weite ihre Offenheit nimmt und sich vor sie stellt. Auch das ist eben die eigentümliche Vorstellungskraft der Kunst, die Bekanntes verwandelt und in einen Raum der Ambivalenzen, der Zweideutigkeiten und bildnerischen Unruhe überführt. Die Gewohnheit der Wahrnehmung wird gestört. Dieser ästhetische Einspruch ist Aufgabe der Kunst: ein Störfall, der den Ernstfall erprobt, ein Fortziehen der Liniennetze, um zu schauen, was sich daraus dann ergibt, ein Erkunden der explosiven Kraft der Wahrnehmung in der Darstellung.

Die besondere Kunst von Renata Jaworska ist dabei die Suche nach Fluchtlinien. Das ist eine alte malerische Tradition der Kunst, die späte- stens seit der Renaissance die Welt als Anschau- ung und Vorstellung organisierte und dabei die Ansicht der Maler mit jenen der Betrachter zu versöhnen suchte. So wie ich die Welt sah, in dieser Ordnung, in die ich sie brachte, so sollst auch du die Welt sehen. Die Kunst war eine besondere Weise, Wirklichkeit in eine übersetzbare Form zu bringen, die den Einzelnen, das Individuum, das Subjekt zum Herren über die sichtbare Welt machte. Anders die Welt, die sich in den Bildern Renata Jaworskas darbietet: Hier regiert keine festgefügte, vorgefertigte und vorbestimmte Ordnung. Hier ist selbst das vermeintlich Bekannte eigentümlich verfremdet, aufgelöst in ein feines Netz aus Linien, die wie Schwärme von Vögeln über den Bildraum ziehen und ihre Spuren hinterlassen. Das Muster, das sich hierbei ergibt, ist ein Versuch, inmitten in ihrer Fülle Fluchtlinien auszumachen. Fluchtlinien sind einerseits perspektivische Organisationen des Raums so auch des Bildraums, der ohne sie ein informelles Dikkicht wäre, wie wir es aus der Malerei der 1950er und 1960er Jahre kennen. Fluchtlinien sind aber andererseits auch Erkundungen von möglichen Wegen, die es gestatten, inmitten des Dickichts der Erscheinungen nicht nur Ordnungen auszumachen, sondern aus diesen vielleicht auch herauszuführen. Will man jedoch Fluchtlinien aus- machen, so muss man zuerst einmal die Flucht- punkte der bestehenden Ordnung detektieren und nachzeichnen. Welche Gestalt hat das Netz, das unsere Wahrnehmung bestimmt? Wie fängt es uns ein? Das ist die politische Dimension von Renata Jaworskas Bildern. Wir können sie in ihnen ausmachen.

Die Freiheit der Kunst, die sich aber eben auch hier zeigt, ist letztlich die Erkundung unseres eigenen Raums und das bedeutet zuallererst unseres freien Raums jenseits vorgefertigter Muster, Strukturen und vorgezogener Linien. Das Wuchern der Linien, das Ausziehen von Angedeutetem, das Fliehen des vermeintlich Festen ist die explosive Kraft der Kunst. Sie verflüssigt Festgeformtes, dynamisiert Stabiles und bricht Starres auf. Renata Jaworska erinnert uns daran, daß sich unsere Welt aus vielen zusammensetzt und zeigt uns, daß ihre Vielgestaltigkeit ein Segen ist. Und das ist keine kleine Leistung. Und manchmal, ja manchmal erwächst daraus ein schöner Schein des Unbestimmten.

© Prof. Dr. Bernd Stiegler
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Stefan Feucht: „Renata Jaworska – mit Linien aus dem Nichts“

In den Bildern von Renata Jaworska spiegelt sich eine der Grundbefindlichkeiten unserer Gegenwart: ein unbestimmtes Gefühl des Aus- geliefertseins und der Verlorenheit. Es sind immer wiederkehrende Elemente, aus denen diese Bilder zusammengesetzt sind, die dieses Gefühl hervorrufen: ins Endlose laufende Linien, Menschenmassen, Anspielungen auf Gewalt und Terror, um ein Nichts kreisende Spiralen, wolkenartige Gebilde, bedrohlich wirkende Vogelschwärme, Leerstellen in Form von Smartphones etc.

Jaworska erschafft surreale Bildwelten, die einmal wirken »wie im Dauerregen untergegan- gene Traumszenerien«, wie es im Katalog der Meisterklasse Immendorf heißt, oder ein andermal den Eindruck vermitteln, man liege irgendwo in einem Wald auf dem Erdboden und schaue in den Himmel, den Blick in die Weite, ins Leere, ins Nichts gerichtet. Ein zentrales Element ihrer Bildkompositionen ist die Linie. Wie ex negativo die Impressionisten zeigten, ist die Linie die abstrakteste Form des Bildaufbaus. Sie ist das Element, aus dem der rationale Aufbau unserer Weltwahrnehmung besteht. Sie erschafft Form und Räumlichkeit. Sie ist aber auch das Grundelement aller Schriftlichkeit. Bei Renata Jaworska verselbständigt sich die Linie. Sie ist nicht mehr »nur« dienend für das Verständnis von Raum und Form, sondern wird zum eigenständigen Zeichen der Weltkonstruktion. Da ihr Grundthema die fragmentarische Wahrnehmung unserer Wirklichkeit ist, spielt Farbe in ihrem Werk eine untergeordnete Rolle. Farbe verschönert, lenkt sie ab vom Wesentlichen, nämlich von der Form, die ihr als Wichtigstes gilt. In ihren Arbeiten wird Farbe daher stets konstruierend verwendet und so eingesetzt, dass sie die Linie, die Form verstärkt. Die Motive in Jaworskas Arbeiten entspringen meist unserer zeitgenössischen Medienwelt, Fern- sehen oder Internet. Seien es marschierende Soldaten, behelmte Polizisten, verschleierte Frauen, Kampfflugzeuge oder Waffen unterschiedlichster Art. Sie sind Ausdruck der Gegenwart von Welt, von der wir wissen, dass sie existiert, die wir aber selber nicht erleben und trotzdem als bedrohlich empfinden. Möglicherweise haben die Bilder von Renata Jaworska in diesem Sinne einen Bezug zu den archaischen Höhlenmalereien unserer Vor- fahren, indem sie die Bedrohungen und Gefahren ins Bild bannen und so in gewisser Weise von uns abwenden, vielleicht aber auch nur auf eine ganz individuelle Weise »vorstellbar« machen.

In ihren jüngsten Arbeiten greift Jaworska aus einer aktuellen Perspektive unser Wahrnehmungsverhalten auf, indem sie durch Leerstellen in Form von Handys bzw. Smartphones auf den gegenwärtigen Bildkonsum hinweist. Die Individualität des Bildes scheint verloren zu gehen. Durch Speichern des digitalen Bildes besitzen wir Bilder, die wir uns zuvor gar nicht angeeignet haben, weil sie in ihrer Einzigartigkeit gar nicht mehr wahrgenommen werden können. Die Möglichkeiten des Speicherns und die damit scheinbare Option der umfassenden Verfügbarkeit ersetzt das Schauen, vom Betrachten ganz zu schweigen. Überspitzt könnte man sagen, wir besitzen so viele Bilder wie nie zuvor, sie sagen uns aber immer weniger. Wie verhält sich nun Jaworskas eigenes Schaffen zu dieser prekären Zeitdiagnose? Ihre Skulpturen, die 2013 während eines Aufenthaltes in den USA entstanden, geben hier vielleicht einen Hinweis. In ihnen kommt die ganze Ambivalenz des künstlerischen Schaffens zum Ausdruck. Sie bestehen aus drei Elementen, die sich gegenseitig, so scheint es, stützen oder aber auch niederdrücken: einem Pinsel, einer Waffe und einer Blume. Kann die Kunst, so lautet vielleicht die Frage, angesichts von Gewalt und Veränderung, einen Rest von »Schönheit« bewahren – oder aber ist sie stets in Gefahr, herabgedrückt zu werden?

In diesem Spannungsfeld verortet sich die Ar- beit von Renata Jaworska, die 2012 ihren Lebensmittelpunkt bewusst in der Provinz, in Schloss Salem am Bodensee, gewählt hat. Gerade hier findet sie einen Ort, der sie zwingt, nicht nur lokal zu denken und dessen Ruhe und Zurückgezogenheit dazu führt, eine nicht erlebte Reali- tät zum Thema zu machen.

Jaworskas Lehrer, Jörg Immendorf, hat seine Schüler dazu angehalten, Bilder als Vehikel zu benutzen. Für ihn war das Bild geradezu ein Individuum mit einem Eigenleben. In diesem Sinne sind Kunstwerke eine Instanz, die unsere konstruierten Realitäten zusammenführt und die daraus erfolgende Verlorenheit für uns ganz im He- gelschen Sinne aufhebt, d. h. sie nicht mehr ausschließlich gültig sein lässt, sie zugleich aber auch aufbewahrt und schließlich auf eine höhere Stufe hebt. So erhalten die Bilder von Renata Jaworska eben auch einen Aspekt der Befreiung und Beheimatung zugleich.

© Dr. Stefan Feucht

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